Qigong
气功 qìgōng — Arbeit mit dem Atem: Haltung, Bewegung und Aufmerksamkeit als Übung für jeden Tag
Qigong ist der Sammelbegriff für chinesische Übungen, die Körperhaltung, langsame Bewegung, Atmung und Konzentration verbinden. Anders als Tai Chi ist es keine Kampfkunst und keine feste Choreografie: Es gibt Hunderte Systeme, von acht einfachen Bildern bis zu stundenlanger stehender Meditation. Gemeinsam ist ihnen das Ziel, das Qi — im Alltagsverständnis: Atem, Spannung, Wachheit — zum Fließen zu bringen. Wer Tai Chi als Sprache begreift, kann Qigong als ihr Alphabet sehen: Die Grundübungen sind dieselben.
Qigong oder Tai Chi?
| Qigong | Tai Chi | |
|---|---|---|
| Herkunft | Gesundheits- und Meditationsübungen, teils über 2.000 Jahre alt | Kampfkunst aus dem 17. Jahrhundert |
| Aufbau | Einzelübungen, oft wiederholt, im Stehen, Sitzen oder Liegen | Zusammenhängende Form von 24 bis über 100 Bildern |
| Lernaufwand | Erste Übungen in einer Stunde; sofort allein anwendbar | Monate bis zur ersten Form |
| Für wen | Alle, auch Bettlägerige und Menschen mit wenig Zeit | Wer Koordination, Gleichgewicht und eine Aufgabe für Jahre sucht |
Mehr zur Kampfkunst und ihren Stilen auf der Seite Tai Chi.
Die Acht Brokate (八段锦)
Das meistgeübte Qigong-System der Welt: acht Bilder, seit der Song-Zeit überliefert, in 10 bis 15 Minuten durchgeübt. Ideal für den Morgen.
- 1
Mit beiden Händen den Himmel stützen
Streckt Rumpf und Schultergürtel, öffnet den Atemraum
- 2
Den Bogen spannen und auf den Adler zielen
Kräftigt Rücken und Arme, mobilisiert die Brustwirbelsäule
- 3
Eine Hand hebt sich, eine senkt sich
Dehnt die Flanken, nach der TCM Milz und Magen
- 4
Nach hinten schauen
Dreht die Halswirbelsäule, entlastet den Nacken
- 5
Kopf und Schwanz schwenken
Bewegt Hüfte und Wirbelsäule in tiefem Stand
- 6
Mit beiden Händen die Füße fassen
Dehnt die Rückseite der Beine und den unteren Rücken
- 7
Die Fäuste ballen und mit funkelnden Augen stoßen
Kraft und Spannung, das einzige ‚harte‘ Bild
- 8
Sich auf die Zehen stellen und fallen lassen
Sanfte Erschütterung, Abschluss und Lockerung
Das Spiel der fünf Tiere (五禽戏)
Dem Arzt Hua Tuo aus der späten Han-Zeit zugeschrieben: Bewegungen, die fünf Tiere nachahmen. Weniger statisch als die Brokate, mit mehr Raumbewegung — und der Übung, die Kindern am meisten Spaß macht.
Tiger
Kraft und Griff — die Finger werden zu Krallen, der Rücken zieht sich lang
Hirsch
Dehnung des Rumpfs und der Flanken, Drehung aus der Hüfte
Bär
Schweres, wiegendes Gehen; nach der TCM für die ‚Mitte‘
Affe
Schnelle, leichte Bewegungen, Blickwechsel — Beweglichkeit und Aufmerksamkeit
Kranich
Stehen auf einem Bein, Arme wie Flügel — Gleichgewicht und Atem
Stehen und Atmen
Zhan Zhuang (站桩) — Stehen wie ein Pfahl
Die einfachste und härteste Übung: aufrecht stehen, Knie weich, Arme, als hielten sie einen Ball vor der Brust, und nichts tun. Anfangs zwei Minuten, später zwanzig. Die Beine werden warm, die Schultern lernen loszulassen, der Kopf wird ruhig. Kampfkünstler nutzen es für Struktur, alle anderen für Beinkraft und Konzentration.
- Füße schulterbreit, Zehen nach vorn
- Knie leicht beugen, Becken senken, nicht nach vorn kippen
- Scheitel nach oben ziehen, Kinn leicht zurück
- Arme rund vor die Brust, Finger locker
- Atem durch die Nase in den Bauch, Blick weich
- Bleiben — und jeden Tag eine Minute zulegen
Bauchatmung
Beim Einatmen wölbt sich der Bauch, beim Ausatmen sinkt er — die ‚natürliche‘ Atmung. Fortgeschrittene üben die ‚umgekehrte‘ Atmung, bei der der Bauch beim Einatmen leicht eingezogen wird; sie stammt aus der Kampfkunst und gehört in die Hand eines Lehrers. Die ‚sechs heilenden Laute‘ (六字诀) verbinden das Ausatmen mit Silben wie ‚xu‘ und ‚he‘, die nach der TCM je einem Organ zugeordnet sind.
Geschichte und Einordnung
- Daoyin (导引): Auf einer Seidenkarte aus einem Grab bei Changsha (2. Jahrhundert v. Chr.) sind über vierzig Figuren in Dehn- und Atemübungen dargestellt — der älteste Beleg für das, was heute Qigong heißt.
- Daoisten und Buddhisten entwickelten über Jahrhunderte Atem- und Meditationstechniken; die Shaolin-Mönche verbanden sie mit Kampfkunst (Yijinjing, ‚Muskel- und Sehnenwandlung‘).
- 1950er-Jahre: Der Begriff ‚Qigong‘ wird in der Volksrepublik als Sammelname für die vielen Traditionen geprägt und in Sanatorien als Therapie eingeführt.
- 1980er–1990er: ‚Qigong-Fieber‘ — Millionen üben in Parks, Meister versprechen Wunderheilungen, Bewegungen wie Falun Gong entstehen. 1999 verbietet der Staat Falun Gong und unterstellt Qigong-Verbände der Kontrolle.
- Seit 2000: Die staatliche Gesundheits-Qigong- Vereinigung standardisiert vier Systeme — Acht Brokate, Fünf Tiere, Yijinjing, Sechs Laute — und verbreitet sie weltweit. Das ist das Qigong, das in den meisten Kursen im deutschsprachigen Raum gelehrt wird.
Qigong lernen im deutschsprachigen Raum
- Volkshochschulen, Reha-Zentren, Krankenkassen-Kurse— meist Acht Brokate oder ein Stil-unabhängiges ‚Gesundheits-Qigong‘. In Deutschland als Präventionskurs bezuschusst, wenn der Anbieter zertifiziert ist.
- Verbände — Deutscher Dachverband für Qigong und Taijiquan (DDQT), Schweizerische Gesellschaft für Qigong und Taijiquan (SGQT): Lehrerlisten, Ausbildungsrichtlinien, Verzeichnisse nach Region.
- Konfuzius-Institute — Kurse mit chinesischen Lehrern, zum Beispiel in Hannover; alle Institute unter Konfuzius-Institute.
- Online — für die Brokate ausreichend, wenn man einmal live korrigiert wurde; für stehende Meditation und Atemtechniken nicht.
Weiterlesen
Gesundheit
TCM, Tai Chi und Qigong →
Traditionelle chinesische Medizin und Bewegungslehren, mit Stand der Evidenz.
Gesundheit
Tai Chi →
Die fünf Stile, die 24er-Form, Wirkung auf Gleichgewicht und Rücken — und die Kampfkunst hinter der Übung.
Gesundheit
Traditionelle Chinesische Medizin →
Qi, Yin und Yang, Puls- und Zungendiagnose, Akupunktur und Kräuter — was belegt ist und wo man Behandler findet.
Kampfkunst
Chinesische Kampfkunst →
Kung Fu, Wushu, Tai Chi und ihre Schulen.
Philosophie
Chinesische Philosophie →
Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus, Legalismus und ihre Denker.