Deutschland & China: die Wirtschaftsbeziehungen
Kein Land außerhalb Europas ist wirtschaftlich so eng mit Deutschland verflochten — und über kaum eine Beziehung wird so kontrovers gestritten. Dieser Überblick erklärt die Struktur dahinter: was gehandelt wird, in welche Richtung investiert wird und wer weiterhilft.
Wie eng die Verflechtung ist
China und die USA wechseln sich seit Jahren als Deutschlands wichtigster Handelspartner ab; die Niederlande folgen auf den nächsten Rängen. Welches Land in einem einzelnen Jahr vorn liegt, ist weniger aussagekräftig, als es die Schlagzeilen nahelegen — die Abstände sind klein und der Rang kippt mit der Konjunktur.
Aussagekräftig ist die Zusammensetzung. Deutschland führt aus China vor allem Vorprodukte, Elektronik, Maschinenteile und zunehmend fertige Konsumgüter ein — darunter inzwischen auch Elektrofahrzeuge. In die Gegenrichtung gehen traditionell Automobile, Maschinen, Chemieerzeugnisse und Messtechnik. Genau in diesen Kategorien holt Chinas eigene Industrie am schnellsten auf.
Wo die aktuellen Zahlen stehen: Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die Jahreszahlen zum Außenhandel im Februar, die Rangliste der Handelspartner inklusive. Diese Seite verzichtet bewusst auf Jahreswerte — sie veralten binnen Monaten und wirken gerade deshalb verlässlicher, als sie sind.
Die eigentliche Nachricht steckt in der Richtung
Welches Land gerade auf Platz eins steht, ist die Schlagzeile. Interessanter ist, wie dieser Platz zustande kommt: Die Einfuhren aus China wachsen seit Jahren, während die deutschen Ausfuhren dorthin stagnieren oder zurückgehen. Der Handel nimmt also zu, aber einseitig — und das deutsche Handelsdefizit gegenüber China gehört zu den größten, die Deutschland überhaupt gegenüber einem Land aufweist.
Hinter dieser Entwicklung stehen zwei Bewegungen, die sich verstärken. Zum einen stellt Chinas Industrie inzwischen selbst her, was sie früher aus Deutschland kaufte — am sichtbarsten im Maschinenbau und in der Automobilindustrie, wo chinesische Hersteller im eigenen Markt Anteile gewonnen haben und auf Exportmärkten auftreten. Zum anderen produzieren deutsche Konzerne einen wachsenden Teil ihres China-Geschäfts direkt vor Ort; diese Wertschöpfung taucht in der Exportstatistik gar nicht erst auf.
Für die politische Debatte über Abhängigkeiten heißt das: Das Defizit allein sagt wenig darüber aus, wie verflochten beide Volkswirtschaften wirklich sind. Wer die Verflechtung messen will, muss die Investitionen und die Produktion vor Ort mitzählen — beides steht weiter unten.
Deutsche Unternehmen in China
Mehrere tausend deutsche Unternehmen sind in China tätig, von Konzerntöchtern bis zum mittelständischen Zulieferer; sie beschäftigen dort eine hohe sechsstellige bis siebenstellige Zahl von Menschen. China zählt damit zu den wichtigsten Auslandsstandorten der deutschen Wirtschaft überhaupt — und diese Präsenz ist der eigentliche Kern der Verflechtung, nicht die Handelsbilanz.
Die Deutsche Auslandshandelskammer (AHK) Greater China befragt ihre Mitglieder regelmäßig zur Geschäftslage. Das wiederkehrende Muster: Ein erheblicher Teil der Unternehmen beurteilt das Umfeld kritisch — und plant im selben Atemzug, die Investitionen vor Ort auszuweiten.
Die jeweils aktuellen Werte veröffentlicht die AHK in ihrer Geschäftsklimaumfrage, üblicherweise im Frühjahr.
Deutsche Unternehmen in China berichten seit Jahren von wachsendem Wettbewerbsdruck durch chinesische Konkurrenz — und investieren gleichzeitig mehr. Der Grund ist meist derselbe: Wer im chinesischen Markt bestehen will, muss dort entwickeln und fertigen, nah an Kunden, Zulieferern und Tempo.
Diese Lokalisierung ist zugleich eine Antwort auf geopolitische Risiken — das China-Geschäft wird vom übrigen Konzern entkoppelt geführt.
Erhebungen dieser Art bilden die Sicht der befragten Mitgliedsunternehmen ab, nicht die Gesamtwirtschaft.
Chinesische Investitionen in Deutschland
Die Gegenrichtung wird oft übersehen. Gemessen an der Zahl der Investitionsprojekte gehören chinesische Unternehmen inzwischen zu den aktivsten ausländischen Investoren in Deutschland und lagen zuletzt sogar an der Spitze dieser Rangliste.
Wichtig für die Einordnung: Gezählt werden Projekte, nicht investierte Summen. Ein Vertriebsbüro und ein Werk zählen gleich viel — eine Spitzenposition in dieser Statistik sagt deshalb wenig über investiertes Kapital aus. Die Schwerpunkte liegen bei Elektronik und Automatisierung, Energie und Rohstoffen sowie Mobilität und Logistik.
Beim Bestand sieht das Bild deutlich ruhiger aus: Von den deutschen Unternehmen in ausländischer Hand gehört nur ein kleiner einstelliger Anteil chinesischen Eigentümern. Die öffentliche Wahrnehmung eines „Ausverkaufs" deckt sich nicht mit der Bestandsstatistik — wohl aber mit der Sichtbarkeit einzelner Fälle.
Konkret nachlesen: Der bislang sichtbarste Fall ist die Übernahme von Ceconomy (MediaMarkt/Saturn) durch JD.com. Ein Produktionsbeispiel ist das Werk von Gotion in Göttingen auf einem ehemaligen Bosch-Gelände.
Laufend erhobene Zahlen dazu veröffentlichen EY (Standort Deutschland, im Frühjahr) sowie Germany Trade & Invest gemeinsam mit den Wirtschaftsförderungen der Bundesländer.
Wer weiterhilft
Für Unternehmen, die den Schritt nach China erwägen oder chinesische Partner suchen, gibt es ein dichtes Netz an Anlaufstellen — von der staatlichen Außenwirtschaftsförderung bis zu den Kammern vor Ort.
Österreich und die Schweiz
Die Ausgangslage unterscheidet sich deutlich: Die Schweiz unterhält seit 2014 ein Freihandelsabkommen mit China, Österreich setzt stark auf seine Außenwirtschaftszentren. Beide Silos werden getrennt gepflegt.