Qing-Dynastie

清朝 (Qīng Cháo)

1644–1912 n. Chr.Hauptstadt: Beijing, Mukden/Shenyang (bis 1644)

Gegründet von Nurhaci (Reichsgründer, 努尔哈赤) und Hong Taiji (Dynastiename Qing, 1636)

Überblick & Bedeutung

Die Qing brachten China auf seine größte Ausdehnung und höchste Bevölkerungszahl — und in seine tiefste Krise. Das heutige Staatsgebiet, die Peking-Oper, der ‚Traum der roten Kammer' und die Sommerpaläste stammen aus dieser Zeit; ebenso die Erfahrung der Opiumkriege und ungleichen Verträge, die Chinas Verhältnis zum Westen bis heute prägt. Für den deutschsprachigen Raum ist Tsingtau der greifbarste Berührungspunkt mit der späten Qing-Zeit.

Wichtige Kaiser

Kaiser Kangxi (Xuanye)
Regierungszeit: 1661–1722
  • 61 Jahre auf dem Thron — die längste Regierungszeit eines chinesischen Kaisers
  • Schlug den Aufstand der drei Lehensfürsten nieder und eroberte Taiwan
  • Vertrag von Nertschinsk 1689 mit Russland: erster Vertrag Chinas mit einer europäischen Macht
  • Ließ Jesuiten als Astronomen und Kartografen am Hof arbeiten
Kaiser Qianlong (Hongli)
Regierungszeit: 1735–1796
  • Höhepunkt der Qing: das Reich erreicht seine größte Ausdehnung mit Xinjiang und Tibet
  • ‚Vollständige Bibliothek der vier Schatzkammern' (Siku Quanshu) — und Zensur unerwünschter Bücher
  • Wies 1793 die britische Macartney-Gesandtschaft ab
  • Trat 1796 formell ab, um seinen Großvater Kangxi nicht zu übertreffen
Kaiserinwitwe Cixi
Regierungszeit: 1861–1908 (als Regentin)
  • Regierte fast ein halbes Jahrhundert hinter dem Vorhang für drei Kaiser
  • Beendete 1898 die Hundert-Tage-Reform des Kaisers Guangxu
  • Stellte sich 1900 hinter die Boxer und musste nach dem Einmarsch der acht Mächte aus Beijing fliehen
Kaiser Xuantong (Puyi)
Regierungszeit: 1908–1912
  • Bestieg den Thron mit zwei Jahren und dankte mit sechs ab
  • Später Marionettenkaiser von Mandschukuo, zuletzt Bürger der Volksrepublik — Bertoluccis ‚Der letzte Kaiser' erzählt sein Leben

Zeitleiste

Die Mandschu ziehen in Beijing ein; der Kindkaiser Shunzhi wird Kaiser von China
1644
Beginn der Qing-Herrschaft in China

Auswirkung: Zweite Fremddynastie über ganz China; der Zopfzwang wird zum Zeichen der Unterwerfung

Vertrag von Nertschinsk mit Russland
1689
Grenzvertrag auf Augenhöhe

Auswirkung: Sichert die Nordgrenze für anderthalb Jahrhunderte

Macartney-Gesandtschaft in Beijing
1793
Verweigerter Handel mit Großbritannien

Auswirkung: Qianlongs Brief an Georg III. wird zum Sinnbild der Selbstgenügsamkeit des Reichs

Erster Opiumkrieg, Vertrag von Nanking
1839–1842
Beginn der ‚ungleichen Verträge'

Auswirkung: Hongkong an Großbritannien, fünf Vertragshäfen, Konsulargerichtsbarkeit — der Anfang des ‚Jahrhunderts der Demütigung'

Taiping-Aufstand
1850–1864
Verheerendster Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts

Auswirkung: Schätzungsweise 20 Millionen Tote; regionale Armeen chinesischer Beamter retten die Dynastie und schwächen die Zentrale

Krieg gegen Japan, Vertrag von Shimonoseki
1894–1895
Verlust Taiwans

Auswirkung: Die Niederlage gegen den kleinen Nachbarn erschüttert das Selbstbild und löst den ‚Wettlauf um Konzessionen' aus

Das Deutsche Reich pachtet Kiautschou mit Tsingtau für 99 Jahre
1898
Deutschlands Kolonie in China

Auswirkung: Bierbrauerei, Bahnhof und Villenviertel prägen Qingdao bis heute; die Pacht endet 1914 mit der japanischen Eroberung

Boxeraufstand und Einmarsch der Vereinigten acht Staaten
1900
Beijing besetzt

Auswirkung: Das Boxerprotokoll erlegt China gewaltige Reparationen auf; Kaiser Wilhelms ‚Hunnenrede' begleitet das deutsche Kontingent

Abschaffung der Beamtenprüfung
1905
Ende eines 1.300 Jahre alten Systems

Auswirkung: Die Gelehrtenelite verliert ihren Aufstiegsweg; moderne Schulen und Auslandsstudium treten an die Stelle

Xinhai-Revolution; Abdankung Puyis am 12. Februar 1912
1911–1912
Ende des Kaiserreichs

Auswirkung: Nach mehr als zwei Jahrtausenden Monarchie wird China Republik

Errungenschaften

Politisch
  • Das Reich in seiner größten Ausdehnung: Mandschurei, Mongolei, Xinjiang, Tibet, Taiwan
  • Mandschu-Han-Doppelbesetzung der hohen Ämter
  • Das heutige Staatsgebiet Chinas geht in seinen Umrissen auf die Qing zurück
Kulturell
  • Cao Xueqins ‚Der Traum der roten Kammer', der bedeutendste Roman Chinas
  • Peking-Oper entsteht ab 1790 aus den Anhui-Truppen am Hof
  • Textkritische Gelehrsamkeit (Kaozheng) statt neokonfuzianischer Spekulation
  • Sommerpalast und Alter Sommerpalast (Yuanmingyuan) mit europäischen Bauten
Wirtschaftlich
  • Bevölkerung wächst dank Mais, Süßkartoffel und Erdnuss aus Amerika auf über 400 Millionen
  • Tee, Seide und Porzellan als Exportgüter des Kanton-Handels
  • Opium als Importgut kehrt die Handelsbilanz um — Auslöser der Opiumkriege
Technologisch
  • Jesuitische Kartografie: die Kangxi-Karte als erste Vermessung des Reichs
  • Späte Selbststärkung: Arsenale, Werften, Eisenbahnen, Telegrafen ab 1860
Militärisch
  • Bannersystem der Mandschu als Kern der Armee
  • Niederlagen gegen Großbritannien (1842, 1860), Frankreich (1885) und Japan (1895)

Artefakte & Archäologische Funde

Sommerpalast (Yiheyuan)
Kaiserliche Gartenanlage am Kunming-See, unter Cixi mit Marinegeldern wiederaufgebaut

Bedeutung: UNESCO-Welterbe; Meisterwerk der chinesischen Gartenkunst

Ruinen des Alten Sommerpalasts (Yuanmingyuan)
Von Jesuiten entworfene europäische Palastbauten, 1860 von britisch-französischen Truppen niedergebrannt

Bedeutung: Nationales Mahnmal des ‚Jahrhunderts der Demütigung'

Siku Quanshu
Handschriftliche Sammlung von rund 3.500 Werken in sieben Kopien, unter Qianlong angelegt

Bedeutung: Größte Büchersammlung der chinesischen Geschichte; ein vollständiges Exemplar liegt in der Nationalbibliothek in Beijing

Niedergang der Dynastie

Bevölkerungsdruck, Korruption und der Taiping-Aufstand höhlten den Staat von innen aus, während Opiumkriege, der verlorene Krieg gegen Japan und der Boxeraufstand seine Souveränität von außen beschnitten. Die Reformen kamen zu spät und zu halbherzig. Ein Aufstand in Wuchang im Oktober 1911 breitete sich in Wochen über die Provinzen aus; im Februar 1912 dankte der Kindkaiser Puyi ab.