Chinesische Lackkunst (漆器)
Kein Material der chinesischen Kunst ist älter in Gebrauch als Lack: der Saft eines Baumes, der zu einer harten, glänzenden Haut wird und Holz, Bambus oder Leinen über Jahrtausende schützt. Aus der Schutzschicht wurde Kunst – gemalt, geschnitzt, mit Perlmutt und Gold belegt.
Das Material: der Saft des Lackbaums
Ostasiatischer Lack ist der Milchsaft des Lackbaums, der in China, Korea und Japan wächst und im Sommer angeritzt wird wie ein Kautschukbaum. Roh ist der Saft hautreizend; sein Wirkstoff heißt nach dem japanischen Wort für Lack, urushi, Urushiol. Gefiltert, gerührt und in hauchdünnen Schichten aufgetragen, härtet er nicht durch Trocknen, sondern durch Feuchtigkeit: In einem feuchten, warmen Schrank vernetzt sich jede Schicht innerhalb von Tagen zu einer Oberfläche, die Wasser, Säuren und Hitze widersteht. Zwanzig, dreißig, bei Schnitzlack weit über hundert Schichten ergeben einen Körper, der härter ist als das Holz darunter.
Gefärbt wird mit wenigen Pigmenten, die den Lack nicht stören: Zinnober für das Rot, Ruß und Eisenverbindungen für das Schwarz. Diese beiden Farben prägen chinesische Lackkunst von den frühesten Funden bis heute; andere Töne blieben Zutat. Mit den Kunstharzlacken der Industrie hat der Naturlack nur den Namen gemeinsam – und die Verwirrung, die das Wort „Lack“ im Deutschen stiftet.
Sieben Jahrtausende: von Hemudu bis zur Kaiserwerkstatt
Das älteste bekannte Lackobjekt Chinas ist eine rot lackierte Holzschale aus einer Siedlung der Hemudu-Kultur in Zhejiang, rund sieben Jahrtausende alt. In der Zeit der Streitenden Reiche wurde der Staat Chu im feuchten Süden zum größten Produzenten, weil dort der Lackbaum gedieh; aus Chu-Gräbern stammen Schalen, Kästen, Musikinstrumente und Schutzfiguren in Rot und Schwarz. Die Han-Dynastie richtete eigene Verwaltungen ein, die Werkstätten organisierten und die Arbeit in Schritte teilten – Lack war Luxusgut und Exportware, und die Gräber von Mawangdui bei Changsha bewahrten Hunderte Stücke in einem Zustand, als wären sie gestern lackiert worden.
Die Song-Zeit verfeinerte die Perlmutteinlage, die Yuan- und Ming-Zeit den Schnitzlack; die Ming-Kaiser unterhielten in Peking eine Werkstatt, deren rote Schnitzlacke bis heute den Maßstab setzen, und unter den Qing wurde die Palette um Gelb, Grün und mehrfarbig geschichtete Arbeiten erweitert. Wer die Dynastien nachschlagen will, findet sie in der Geschichte; die Han-Zeit mit Mawangdui hat eine eigene Seite.
Vier Techniken
Schicht auf Schicht wird aufgetragen und getrocknet, bis der Lack dick genug ist, um ein Relief hineinzuschneiden – Päonien, Landschaften, Drachen. Rot geschnitzter Lack (剔红 tīhóng) ist die bekannteste Form; die Ming-Kaiser ließen ihn in einer eigenen Werkstatt in Peking fertigen.
Dünn geschliffene Muschelstücke werden in den noch weichen Lack gesetzt und mit weiteren Schichten eingebettet, dann freigeschliffen. Die Technik wurde in der Song-Zeit verfeinert und schimmert je nach Lichteinfall grün, rosa und blau.
Feine Linien werden in die Lackfläche geritzt, mit einem Lackkleber gefüllt und mit Blattgold oder Goldpulver belegt – Schrift und Ornament erscheinen als goldene Zeichnung auf Schwarz oder Rot.
Die älteste Form: Das Motiv wird mit farbigem Lack aufgemalt. Die Gefäße und Särge aus den Han-Gräbern von Mawangdui zeigen, wie fein Wolkenbänder und Fabeltiere schon damals gemalt wurden.
Lack in Europa: Import, Nachahmung, Missverständnis
Über die Handelsstationen an der Koromandelküste Indiens kam chinesischer Lack nach Europa und wurde als Wandschirm, Kabinett und Tablett zum Inbegriff des Exotischen – die großen Faltschirme heißen im Handel bis heute „Coromandel“. Weil der Lackbaum in Europa nicht wächst, entstanden Ersatzverfahren mit Harzen und Firnissen, die nach dem damals berühmten japanischen Lack „Japanning“ genannt wurden; im Deutschen blieb davon das Wort „japanisch“ für alles Schwarzglänzende. Der Unterschied ist bis heute sichtbar: Europäische Imitate altern rissig und stumpf, der Naturlack bleibt hart. Die Gegenrichtung, Chinas Blick auf Europa, führt über das Porzellan, das denselben Weg nahm.
Lackkunst im deutschsprachigen Raum
Die größte öffentliche Sammlung ostasiatischer Kunst in Deutschland zeigt das Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, seit 2021 im Humboldt Forum; es ging 2006 aus dem Museum für Ostasiatische Kunst hervor, das 1906 gegründet wurde, und besitzt neben Porzellan und Malerei auch Lackarbeiten. In Zürich sammelt das 1952 eröffnete Museum Rietberg in der Villa Wesendonck Kunst aus Asien, Afrika, Amerika und Ozeanien und widmete der chinesischen Lackkunst eine eigene Ausstellung; die Ankündigung steht unter Veranstaltungen. In Wien führt das 1863 gegründete MAK, das Museum für angewandte Kunst, in seiner Schausammlung eine Abteilung Asien mit China, Japan und Korea.
Eine Lücke ist entstanden: Das Museum für Lackkunst in Münster, das die BASF Coatings als weltweit einziges Haus seiner Art betrieb, wurde zum 1. Februar 2024 geschlossen; seine rund 1.250 Objekte aus Ostasien, Europa und der islamischen Welt gingen an das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster über. Wer Lack kaufen will, findet die alten Techniken in den Werkstätten von Peking, Yangzhou und Fuzhou fortgeführt – und im Handel viele Kunstharzimitate, die sich am Gewicht, am Geruch und am fehlenden Schichtaufbau an den Kanten erkennen lassen.
Häufige Fragen
Der eingedickte Saft des Lackbaums, der in China, Japan und Korea wächst. Aufgetragen in dünnen Schichten härtet er in feuchter Luft zu einer harten, wasserfesten und glänzenden Oberfläche aus. Mit modernen Kunstharzlacken hat er nur den Namen gemeinsam.
Weil der Rohlack mit wenigen Pigmenten stabil färbbar ist: Zinnober ergibt Rot, Ruß oder Eisen ergibt Schwarz. Beide Farben ziehen sich von den Han-Gräbern bis zu den Schnitzlacken der Ming-Zeit durch; Rot war die repräsentative Farbe des Hofes.
Bemalter Lack trägt das Motiv als Malerei auf wenigen Schichten. Schnitzlack entsteht aus Dutzenden bis Hunderten übereinander getrockneten Schichten, in die das Relief anschließend geschnitten wird – ein Verfahren, das Monate dauert und in der Ming- und Qing-Zeit an kaiserlichen Werkstätten seinen Höhepunkt hatte.
Im Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin im Humboldt Forum und im Museum Rietberg in Zürich, das der Lackkunst eine eigene Ausstellung gewidmet hat. Die Sammlung des 2024 geschlossenen Museums für Lackkunst in Münster ist in das LWL-Museum für Kunst und Kultur übergegangen.
Quellen
Stand: September 2026. Änderungen vorbehalten.
- Wikipedia (deutsch, englisch, chinesisch) (Wikimedia Foundation und Freiwillige; laufend) · Quellenprofil
- The Cambridge History of China (Cambridge University Press, 15 Bände (1978 ff.)) · Quellenprofil
- Chinese lacquerware – Artikel der englischen Wikipedia mit Einzelnachweisen (Hemudu-Schale, Chu, Han-Verwaltungen, Techniken, Export und Japanning)
- Museum für Lackkunst – Artikel der deutschen Wikipedia (Schließung zum 1. Februar 2024, Übergang der rund 1.250 Objekte an das LWL-Museum)
- Museum für Asiatische Kunst (Berlin) – Artikel der deutschen Wikipedia (Humboldt Forum seit 2021, Gründung 2006/1906, Bestände)
- Museum Rietberg – Artikel der deutschen Wikipedia (Eröffnung 24. Mai 1952, Villa Wesendonck)
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