Die vier klassischen Romane

四大名著 sì dà míngzhù — die Bücher, die in China jeder kennt, auch wer sie nie gelesen hat

Vier Romane aus der Ming- und Qing-Zeit gelten als die großen Erzählwerke Chinas: ein Geschichtsepos, ein Räuberroman, eine Pilgerfahrt mit Affenkönig und ein Familienroman. Sie entstanden, als Buchdruck und Stadtkultur ein Lesepublikum schufen, das nicht mehr nur Klassiker in Schriftsprache wollte, sondern Geschichten in der Sprache, die man sprach. Ihre Figuren leben in Opern, Filmen, Comics und Sprichwörtern weiter — wer Chinesisch lernt oder mit chinesischen Partnern arbeitet, begegnet ihnen täglich, ohne es zu merken.

Die drei Reiche

三国演义 Sānguó Yǎnyì

Luo Guanzhong (14. Jahrhundert) · Spielt 184–280 n. Chr., geschrieben in der frühen Ming-Zeit

Worum es geht

Der Zerfall der Han-Dynastie und der Kampf dreier Reiche um das Mandat des Himmels: der listige Cao Cao, der rechtschaffene Liu Bei mit seinen Schwurbrüdern Guan Yu und Zhang Fei und dem genialen Strategen Zhuge Liang, und Sun Quan im Südosten. Hunderte Figuren, Schlachten, Intrigen, Loyalität und Verrat — der erste Satz sagt alles: Ein Reich, lange geteilt, muss sich einen; lange geeint, muss es sich teilen.

Warum es zählt

Das Handbuch chinesischer Strategie und Loyalität. Guan Yu wurde zum Gott, Zhuge Liang zum Sinnbild des klugen Ministers; Sprichwörter, Opern, Computerspiele und die Managementliteratur zehren davon.

Auf Deutsch

Franz Kuhn (1940, gekürzt). Vollständig: Eva Schestag, ‚Die Drei Reiche‘, zwei Bände (S. Fischer 2017) — die erste komplette deutsche Übersetzung.

Die Räuber vom Liang-Schan-Moor

水浒传 Shuǐhǔ Zhuàn

Shi Nai'an, überarbeitet von Luo Guanzhong (14. Jahrhundert) · Spielt in der Song-Zeit um 1120, aus Erzählstoffen der Yuan-Zeit

Worum es geht

108 Geächtete — ein degradierter Offizier, ein Tätowierter Mönch, ein Tigertöter, eine Handvoll Frauen — sammeln sich im Marschland von Liangshan und führen Krieg gegen korrupte Beamte, bis der Kaiser sie begnadigt und gegen andere Rebellen schickt. Robin Hood mit chinesischer Moral: Loyalität unter Brüdern über Gehorsam gegenüber dem Staat.

Warum es zählt

Der Roman des Volkes und der Kampfkunst; Mao Zedong las ihn als Jugendlicher, die Kulturrevolution stritt über sein Ende. Die Figuren sind Vorlage unzähliger Kung-Fu-Filme.

Auf Deutsch

Franz Kuhn, ‚Die Räuber vom Liang Schan Moor‘ (1934) — bis heute die gelesene Fassung; vollständige Neuübersetzung steht aus.

Die Reise in den Westen

西游记 Xīyóu Jì

Wu Cheng'en zugeschrieben (16. Jahrhundert) · Spielt in der Tang-Zeit, geschrieben in der Ming-Zeit

Worum es geht

Der Mönch Xuanzang pilgert nach Indien, um buddhistische Schriften zu holen — historisch wahr — und bekommt im Roman drei Begleiter: den Affenkönig Sun Wukong, der den Himmel aufgemischt hat und unter dem Fünf-Finger-Berg büßt, das Schwein Zhu Bajie und den Sandmönch. 81 Prüfungen, Dämonen, Verwandlungen und ein Affe, der klüger ist als alle Götter.

Warum es zählt

Chinas beliebtestes Buch für Kinder und Erwachsene; Sun Wukong ist die bekannteste Figur der chinesischen Literatur, von der Peking-Oper bis zum Videospiel ‚Black Myth: Wukong‘.

Auf Deutsch

Eva Lüdi Kong, ‚Die Reise in den Westen‘ (Reclam 2016) — erste vollständige deutsche Übersetzung, Preis der Leipziger Buchmesse 2017. Ältere Auswahl: Arthur Waleys ‚Monkey‘ in deutscher Fassung.

Der Traum der roten Kammer

红楼梦 Hónglóu Mèng

Cao Xueqin (18. Jahrhundert), die letzten 40 Kapitel Gao E zugeschrieben · Qing-Zeit, um 1760 entstanden, 1791 gedruckt

Worum es geht

Aufstieg und Fall der Familie Jia, erzählt aus der Innenwelt ihrer Gärten: der empfindsame Jia Baoyu zwischen seiner kränklichen Cousine Lin Daiyu und der vernünftigen Xue Baochai, dazu Dutzende Dienerinnen, Tanten, Nonnen und ein Stein, der Mensch werden wollte. Kein Abenteuer, sondern Alltag, Poesie, Essen, Kleidung, Verfall — und am Ende Schnee.

Warum es zählt

Der Roman, den China für seinen größten hält; eine eigene Wissenschaft (‚Rotologie‘) erforscht ihn. Wer verstehen will, wie eine Oberschichtfamilie der Qing-Zeit lebte und fühlte, findet hier alles.

Auf Deutsch

Franz Kuhn (1932, stark gekürzt, immer wieder aufgelegt). Vollständig: Rainer Schwarz und Martin Woesler, drei Bände (2007–2009).

Das fünfte Buch und die Nachbarn

Jin Ping Mei (金瓶梅), anonym um 1600, erzählt vom Aufstieg und Untergang des Kaufmanns Ximen Qing und seiner sechs Frauen — der erste Roman, der eine Familie statt Helden zum Gegenstand macht, und wegen seiner Freizügigkeit jahrhundertelang verboten. Ohne ihn gäbe es den ‚Traum der roten Kammer‘ nicht. Auf Deutsch vollständig durch Otto und Artur Kibat (‚Djin Ping Meh‘, 1967–1983); Franz Kuhns Fassung von 1930 ist gekürzt.

Das Gelehrtenwald (儒林外史) von Wu Jingzi (18. Jahrhundert) verspottet das Prüfungssystem, Die seltsamen Geschichten aus dem Studierzimmer (聊斋志异)von Pu Songling versammeln Fuchsgeister und Liebesgeschichten — beide gehören zum Kanon, aber nicht zu den ‚vier großen‘.

Warum vier? Die Zählung stammt aus dem 20. Jahrhundert, als Verlage die Klassiker als Set vermarkteten; in der Ming-Zeit sprach man von den ‚vier außerordentlichen Büchern‘ und meinte Jin Ping Mei statt des Traums der roten Kammer.

Womit anfangen?

  • Zum Lesen: ‚Die Reise in den Westen‘ in Lüdi Kongs Übersetzung — komisch, vollständig, mit Kommentar.
  • Für China-Verständnis: ‚Die drei Reiche‘ — Strategie, Loyalität und die Figuren, die in jeder Verhandlung als Vergleich auftauchen.
  • Für Literatur: ‚Der Traum der roten Kammer‘, am besten die vollständige Fassung; Kuhns Kürzung lässt die Gedichte weg, die den Roman tragen.
  • Als Film: John Woos ‚Red Cliff‘ (2008) zu den Drei Reichen; die TV-Serie ‚Journey to the West‘ von 1986 läuft in China jedes Jahr in den Sommerferien.