Chinesische Gegenwartsliteratur

Hundert Jahre in sechs Kapiteln — von der Sprachrevolution des Vierten Mai bis zur Science-Fiction aus Shanxi

Die moderne chinesische Literatur ist etwa so alt wie die Republik: 1917 begann der Streit um eine Schriftsprache, die alle verstehen, und seither verhandelt sie in jeder Generation dieselben Fragen — was China ist, was die Revolution gekostet hat, wie viel ein Einzelner zählt. Im deutschsprachigen Raum ist sie seit den 1980er-Jahren präsent, mit Wolfgang Kubins zehnbändiger ‚Geschichte der chinesischen Literatur‘ als Referenz, Übersetzern wie Ulrich Kautz und Karin Betz und der Frankfurter Buchmesse 2009, deren Gastland China die Zensurdebatte in die Feuilletons trug.

Vierter Mai und die Erfindung der modernen Sprache (1917–1937)

Die Literaturrevolution begann als Sprachrevolution: Hu Shi forderte 1917, in der gesprochenen Sprache zu schreiben statt im klassischen Chinesisch, und Lu Xun lieferte 1918 mit dem ‚Tagebuch eines Verrückten‘ die erste Erzählung in dieser Sprache — ein Mann, der in den Klassikern zwischen den Zeilen ‚Menschen fressen‘ liest. Lu Xuns ‚Die wahre Geschichte des Ah Q‘ machte den selbstbetrügerischen Verlierer zur Nationalfigur. Neben ihm: Ba Jin mit dem Familienroman ‚Die Familie‘, Lao She mit ‚Rikschakuli‘ und dem Teehaus, Shen Congwen mit den Erzählungen aus Westhunan, Mao Dun mit dem Shanghai-Roman ‚Mitternacht‘.

Krieg, Shanghai, Eileen Chang (1937–1949)

Unter japanischer Besatzung schrieb Zhang Ailing (Eileen Chang) in Shanghai die Erzählungen, die heute als die feinsten der Republikzeit gelten — ‚Liebe in einer gefallenen Stadt‘, ‚Die goldene Kangue‘, später ‚Lust, Caution‘, das Ang Lee verfilmte. Sie ging 1952 nach Hongkong und in die USA; in der Volksrepublik wurde sie erst in den 1990er-Jahren wiederentdeckt und ist seither die meistgelesene Autorin der Epoche.

Sozialistischer Realismus und Schweigen (1949–1976)

Mao Zedongs Yan'an-Reden von 1942 machten Literatur zur Dienerin der Politik: Helden, Landreform, Klassenkampf. Autoren der Republikzeit verstummten, wurden umerzogen oder starben — Lao She nahm sich 1966 in Beijing das Leben. Was in diesen Jahren entstand, wird heute kaum noch gelesen; was verboten war, umso mehr.

Narbenliteratur und Wurzelsuche (1977–1989)

Nach Maos Tod brach sich das Erlebte Bahn: ‚Narbenliteratur‘ erzählte von Kulturrevolution und Verrat in Familien, Zhang Jie schrieb mit ‚Schwere Flügel‘ den ersten Reformroman und wurde in der DDR und der Bundesrepublik gleichzeitig gelesen. Die ‚Wurzelsuche‘ der 1980er wandte sich den Provinzen zu: Mo Yan erfand mit ‚Das rote Kornfeld‘ sein Gaomi, Han Shaogong das Dorf Maqiao, Wang Anyi Shanghai. Es war das Jahrzehnt, in dem Gao Xingjian ‚Der Berg der Seele‘ begann und Yu Hua seine grausamen Avantgarde-Erzählungen schrieb.

Zwei Nobelpreise und ein Markt (1990–2012)

2000 ging der Nobelpreis an Gao Xingjian, Exilant in Paris, dessen Bücher in China nicht erscheinen; 2012 an Mo Yan, Vizepräsident des Schriftstellerverbands, dessen ‚Sandelholzstrafe‘ und ‚Die Schnapsstadt‘ die Grausamkeit der Geschichte in groteske Bilder fassen. Dazwischen wurde Yu Hua mit ‚Leben!‘ (verfilmt von Zhang Yimou), ‚Der Mann, der sein Blut verkaufte‘ und ‚Brüder‘ zum meistübersetzten Autor seiner Generation. Su Tong (‚Rote Laterne‘), Yan Lianke (‚Der Traum meines Großvaters‘, in China verboten), Can Xue und Wang Shuo mit den Hooligan-Romanen der 1990er gehören dazu.

Science-Fiction und Netzliteratur (seit 2006)

Liu Cixins ‚Die drei Sonnen‘ (2006, Hugo Award 2015) machte chinesische Science-Fiction zum Weltphänomen — Netflix verfilmte die Trisolaris-Trilogie 2024. Hao Jingfang gewann 2016 den Hugo für ‚Peking falten‘. Parallel wuchs eine Netzliteratur mit Millionen Fortsetzungsromanen, deren Erfolgreichste als Serien und Spiele weiterleben. Die Zensur setzt Grenzen: Yan Lianke erscheint im Ausland, Fang Fangs ‚Wuhan Diary‘ 2020 löste eine Kampagne gegen die Autorin aus.

Auf Deutsch lesen — ein Einstieg

  • Der Klassiker: Lu Xun, ‚Tagebuch eines Verrückten‘ — kurz, hart, der Anfang von allem.
  • Der Roman des 20. Jahrhunderts: Yu Hua, ‚Leben!‘ — ein Bauer überlebt Bürgerkrieg, Großen Sprung und Kulturrevolution; in Ulrich Kautz' Übersetzung.
  • Der Nobelpreis: Mo Yan, ‚Das rote Kornfeld‘ oder ‚Die Sandelholzstrafe‘; Gao Xingjian, ‚Der Berg der Seele‘.
  • Das Phänomen: Liu Cixin, ‚Die drei Sonnen‘ — die Kulturrevolution als Auftakt einer Alien-Invasion, übersetzt von Martina Hasse.
  • Die Stimme aus Shanghai: Eileen Chang, ‚Das goldene Joch‘ und ‚Gefahr und Begierde‘.

Zur Einordnung: Wolfgang Kubin, ‚Die chinesische Literatur im 20. Jahrhundert‘ (Band 7 seiner Literaturgeschichte) — streitbar, aber unverzichtbar.