Sima Qian

司马迁 (Sīmǎ Qiān)

HistorikerHofastrologeBeamter
Nationalität:China (Han-Dynastie)

Sima Qian (um 145 bis um 86 v. Chr.) schrieb mit den „Aufzeichnungen des Historikers“ (Shiji, 史记) das Werk, an dem sich zwei Jahrtausende chinesischer Geschichtsschreibung ausrichteten: 130 Kapitel vom Gelben Kaiser bis zu seinem eigenen Kaiser Wu. Er vollendete es nach einer Verurteilung, die ihn die Männlichkeit kostete – und begründete in einem Brief, warum er weiterlebte, um zu schreiben.

Der Sohn des Hofastrologen

Sima Qian wurde in Longmen am Gelben Fluss geboren, als Sohn von Sima Tan, der am Hof des Han-Kaisers Wu das Amt des Taishi bekleidete – zuständig für Kalender, Sternbeobachtung und die Archive, meist als Hofastrologe oder Großhistoriker übersetzt. Mit etwa zwanzig Jahren reiste er durch das Reich, besuchte die Gräber sagenhafter Herrscher und die Heimat des Konfuzius und sammelte, was er später verwenden sollte. Um 122 v. Chr. trat er als Palastattaché in den Dienst. Als der Vater um 110 v. Chr. starb, nahm er dem Sohn das Versprechen ab, das begonnene Geschichtswerk zu vollenden. Drei Jahre später übernahm Sima Qian das Amt des Taishi; 105 v. Chr. war er an der Kalenderreform beteiligt. Sein Todesjahr geben die Quellen mit um 86 oder um 90 v. Chr. an.

Der Fall Li Ling

99 v. Chr. fiel der General Li Ling nach einem gescheiterten Feldzug in Ungnade. Sima Qian verteidigte ihn vor dem Kaiser und wurde dafür selbst verurteilt. Statt der Hinrichtung wählte er die Kastration, eine Strafe, die als schlimmer galt als der Tod, weil sie den Verurteilten und seine Familie entehrte. Er begründete das später in einem Brief an seinen Freund Ren An: Jeder Mensch sterbe nur einmal, für den einen wiege der Tod schwerer als der Berg Tai, für den anderen leichter als eine Gänsefeder – und er selbst könne nicht sterben, solange sein Werk unvollendet sei. Nach der Haft, um 96 v. Chr., diente er als Zhongshu ling, Sekretär des Kaisers, ein Amt, das Eunuchen vorbehalten war.

Das Shiji: fünf Teile, zwei Jahrtausende

Das Shiji umfasst 130 Kapitel und mehr als 500.000 Schriftzeichen; vollendet wurde es um 91 v. Chr. Sima Qian ordnete den Stoff nicht chronologisch, sondern in fünf Teile: zwölf Grundannalen der Herrscher, zehn Tabellen, acht Abhandlungen zu Institutionen und Sachthemen, dreißig Kapitel über die erblichen Häuser der Fürsten und siebzig Biographien – von Ministern und Generälen bis zu Kaufleuten. Diese Gliederung übernahmen die späteren Dynastiegeschichten, und weil jede Dynastie die Geschichte ihrer Vorgängerin schrieb, reicht die Kette bis in die Qing-Zeit.

Wirkung: Vorbild in Ostasien, Prosa für die Nachwelt

Das Shiji wurde zum Muster der Geschichtsschreibung nicht nur in China, sondern auch in Korea, Japan und Vietnam. Es wirkte zugleich als Literatur: Die Biographien erzählen mit Dialogen, Szenen und Urteilen des Autors. Der Schriftsteller Lu Xun nannte das Werk das vollkommenste Lied der Historiker, ein „Lisao ohne Reim“ – ein Vergleich mit dem berühmtesten Gedicht des Altertums. Wer die Anfänge der chinesischen Geschichte liest, vom Gelben Kaiser über die Qin bis zur Han-Dynastie, liest fast immer Sima Qian.

Sima Qian im deutschsprachigen Raum

Eine deutsche Auswahl in drei Bänden erschien 2016 unter dem Titel „Aus den Aufzeichnungen des Chronisten“ im Verlag für fremdsprachige Literatur in Peking; die Bände 1 und 2 übersetzte Gregor Kneussel, Band 3 Alexander Saechtig. Die englische Standardübersetzung stammt von Burton Watson. Der chinesische Originaltext ist mit Kapitelangaben im Chinese Text Project zugänglich.