Hongkong-Kino
香港電影 — wie eine Stadt von sieben Millionen Menschen ein halbes Jahrhundert lang das Kino Asiens prägte
Das Hongkong-Kino ist der dritte Strang des chinesischsprachigen Films neben Festland und Taiwan — und lange der freieste. Ohne staatliche Filmpolitik, mit einem Publikum, das jede Woche etwas Neues wollte, entstand ein Kino der Handwerker: schnell, körperlich, genrebewusst. Im deutschsprachigen Raum kam es über die Kung-Fu-Welle der 1970er in die Bahnhofskinos, über die Videotheken der 1980er zu den Fans und über Wong Kar-wai in die Programmkinos. Zu mehreren Regisseuren und Stars gibt es eigene Profile: Bruce Lee, Jackie Chan, Jet Li, John Woo, Wong Kar-wai, Maggie Cheung und Andy Lau.
Zwei Studios, zwei Sprachen (1950er–1960er)
Nach 1949 zogen Filmleute aus Shanghai in die Kronkolonie und bauten dort eine Industrie auf, die für die gesamte chinesische Diaspora produzierte — auf Mandarin für die Emigranten und die Märkte in Taiwan und Südostasien, auf Kantonesisch für das Publikum vor Ort. Die Shaw Brothers errichteten in Clearwater Bay das größte Studio Asiens, mit Vertragsstars, eigenen Kinos und einer Fließbandproduktion von Musicals, Kostümfilmen und ab 1967 dem Wuxia-Schwertkampffilm, den King Hu (‚Dragon Inn‘) und Chang Cheh (‚One-Armed Swordsman‘) zur Kunstform machten.
Bruce Lee und der Kung-Fu-Boom (1970er)
1970 verließ Raymond Chow die Shaw Brothers und gründete Golden Harvest — mit Gewinnbeteiligung statt Vertragsknechtschaft. Sein erster großer Star war ein aus Hollywood zurückgekehrter Kampfkünstler aus San Francisco: Bruce Lee. ‚Die Todesfaust des Cheng Li‘ (1971), ‚Todesgrüße aus Shanghai‘ (1972) und ‚Der Mann mit der Todeskralle‘ (1973, mit Warner) machten den Kung-Fu-Film zum Weltgenre und Hongkong zum Exporteur. Lee starb 1973 mit 32 Jahren; die Lücke füllten Kung-Fu-Komödien mit Jackie Chan (‚Drunken Master‘, 1978) und die akrobatischen Ensembles der Peking-Oper-Schulen, aus denen Chan, Sammo Hung und Yuen Biao kamen.
Neue Welle und Heroic Bloodshed (1980er)
Eine Generation, die im Westen Film studiert hatte, brachte Realismus und Tempo: Ann Hui (‚Boat People‘), Tsui Hark (‚Zu — Warriors from the Magic Mountain‘, später ‚Once Upon a Time in China‘ mit Jet Li), Patrick Tam. John Woo verband 1986 mit ‚A Better Tomorrow‘ Gangsterballade, Zeitlupe und Chow Yun-fat im Trenchcoat zu einem Genre, das ‚Heroic Bloodshed‘ heißt und von Tarantino bis ‚Matrix‘ kopiert wurde. Jackie Chans ‚Police Story‘ (1985) setzte den Maßstab für Stunts ohne Double. Hongkong war jetzt nach den USA und Indien die drittgrößte Filmindustrie der Welt.
Wong Kar-wai und der Weltruhm (1990er)
Während Stephen Chow mit Nonsens-Komödien die Kassen füllte und Ringo Lam und Johnnie To das Gangsterkino verfeinerten, drehte Wong Kar-wai mit Kameramann Christopher Doyle die Filme, die Hongkong in die Festivals brachten: ‚Days of Being Wild‘ (1990), ‚Chungking Express‘ (1994), ‚Happy Together‘ (Regiepreis Cannes 1997) und ‚In the Mood for Love‘ (2000), für den Tony Leung in Cannes als bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Maggie Cheung, die in ‚Center Stage‘ (1992) die Stummfilmdiva Ruan Lingyu spielte, gewann dafür in Berlin den Silbernen Bären — die erste Schauspielerin Hongkongs mit einem Preis der großen Festivals.
1997, Abwanderung, Infernal Affairs (2000er)
Die Rückgabe an China, die Asienkrise und die Videopiraterie ließen die Produktion von über 200 Filmen im Jahr auf unter 60 fallen. John Woo, Chow Yun-fat, Jackie Chan und Jet Li gingen nach Hollywood. Ausgerechnet in der Krise entstand mit ‚Infernal Affairs‘ (2002, Andy Lau und Tony Leung als Maulwürfe auf beiden Seiten des Gesetzes) der Film, den Martin Scorsese 2006 als ‚The Departed‘ neu drehte und dafür den Oscar bekam. Das Abkommen CEPA öffnete ab 2003 den Festlandmarkt für Koproduktionen — zu dessen Regeln.
Koproduktion und Erinnerung (seit 2010)
Die großen Budgets fließen heute in Filme, die in Hongkong gedreht, aber für das Festland zensurtauglich gemacht werden; die kantonesische Alltagskomödie und der Genrefilm alter Schule leben in kleineren Produktionen weiter. Der Erfolg von ‚Twilight of the Warriors: Walled In‘ (2024) über die Kowloon Walled City zeigte, dass das Publikum Hongkongs seine eigene Geschichte sehen will. Die Avenue of Stars in Tsim Sha Tsui, die Hong Kong Film Awards und das Filmarchiv bewahren, was einmal die produktivste Traumfabrik Asiens war.