Mei Lanfang

梅兰芳 (Méi Lánfāng)

KünstlerOpernsängerSchauspieler
Geboren:22.10.1894Peking, China
Gestorben:1961
Nationalität:Chinesisch

Mei Lanfang (1894–1961) war der berühmteste Darsteller der Peking-Oper: ein Mann, der Frauenrollen (dan) sang und spielte und die Kunstform in den 1920er- und 1930er-Jahren nach Japan, in die USA und die Sowjetunion brachte. Bertolt Brecht sah ihn 1935 in Moskau und entwickelte daraus seinen Begriff der Verfremdung.

Eine Opernfamilie in Peking

Mei Lanfang wurde 1894 in Peking in eine Familie von Opernsängern geboren; Großvater und Vater hatten Frauenrollen gespielt. Er begann das Training mit acht Jahren und stand mit elf erstmals auf der Bühne. In der Peking-Oper spielten damals ausschließlich Männer, auch die weiblichen Rollen; Mei machte aus dieser Konvention eine Kunst der Andeutung: Handhaltungen, Blicke, Schrittfolgen, die Weiblichkeit nicht imitierten, sondern zeichenhaft darstellten. Er zählte zu den „Vier großen Dan“ seiner Generation und begründete eine eigene Schule, die Mei-Schule.

Neue Stücke, alte Kunst

Mei erneuerte das Repertoire: Er ließ neue Stücke schreiben, überarbeitete Kostüme und Bühnentänze und nahm Elemente der Kunqu-Oper auf, der älteren, feineren Form. Stücke wie „Die betrunkene Konkubine“ und „Lebewohl, meine Konkubine“ – letzteres wurde durch Chen Kaiges Film weltbekannt – gehören bis heute zu den meistgespielten der Peking-Oper und werden in seiner Fassung gelernt.

Gastspiele in Tokio, New York und Moskau

1919 und 1924 gastierte Mei in Japan, 1930 mit großem Erfolg in den USA, wo ihn Charlie Chaplin und Douglas Fairbanks empfingen und zwei Universitäten Ehrendoktortitel verliehen. 1935 folgte die Sowjetunion: In Moskau sahen ihn Stanislawski, Meyerhold, Eisenstein – und Bertolt Brecht, der im Exil auf der Durchreise war. Während der japanischen Besetzung Chinas ab 1937 weigerte sich Mei aufzutreten und ließ sich zum Zeichen einen Schnurrbart wachsen, was für einen Darsteller von Frauenrollen das Ende der Bühne bedeutete; er lebte von Bildern, die er malte, und kehrte 1945 zurück.

Mei Lanfang und Brecht: die Verfremdung

Der Moskauer Abend von 1935 hat die deutsche Theatergeschichte verändert. Brecht beschrieb in seinem Aufsatz „Verfremdungseffekte in der chinesischen Schauspielkunst“ (1936), wie Mei eine Figur zeigte, ohne in ihr aufzugehen – er beobachte sich selbst beim Spielen, das Publikum bleibe Zuschauer statt Mitfühlender. Aus dieser Beobachtung formte Brecht den Begriff, der sein episches Theater bestimmt; ob er Meis Kunst richtig verstand, wird in der Theaterwissenschaft seither diskutiert. Im deutschsprachigen Raum ist Mei Lanfang deshalb in jedem Brecht-Seminar präsent, auch wo die Peking-Oper unbekannt ist.

Nachleben

Mei Lanfang starb 1961 in Peking. Sein Wohnhaus ist heute Museum, sein Sohn Mei Baojiu führte die Schule fort, Chen Kaiges Film „Forever Enthralled“ (2008) erzählt sein Leben. Die Peking-Oper steht seit 2010 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes; Gastspiele in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen bis heute vor allem Stücke aus Meis Repertoire.

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