Laozi
老子 (Lǎozǐ)
Laozi — der Name bedeutet ‚alter Meister‘ — gilt als Verfasser des Daodejing und als Begründer des Daoismus. Ob er gelebt hat, ist offen: Der Historiker Sima Qian berichtet um 100 v. Chr. von einem Archivar am Zhou-Hof namens Li Er, der Konfuzius belehrt und das Reich auf einem Wasserbüffel nach Westen verlassen habe; am Grenzpass habe er auf Bitten des Wächters seine Lehre in fünftausend Zeichen niedergeschrieben. Der Text, das Daodejing, ist nach der Bibel das meistübersetzte Buch der Welt — auch ins Deutsche, mehr als hundertmal.
Die Person: Legende und Befund
Sima Qian selbst nennt drei mögliche Laozis und gesteht Unsicherheit ein. Die Forschung sieht im Daodejing heute einen Text, der zwischen dem 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. aus älteren Spruchsammlungen zusammenwuchs; die ältesten Handschriften auf Bambus (Guodian, um 300 v. Chr.) und Seide (Mawangdui, 2. Jahrhundert v. Chr.) belegen mehrere Fassungen. ‚Laozi‘ ist damit weniger ein Autor als der Name einer Überlieferung — was dem Text selbst entspricht, der die Namenlosigkeit zum Prinzip macht.
Das Daodejing
81 kurze Kapitel, gereimt und knapp, über das Dao — den Weg, der allem zugrunde liegt und sich nicht benennen lässt — und das De, die Kraft, mit der es in den Dingen wirkt. Die Lehre ist paradox formuliert: Das Weiche besiegt das Harte, Wasser, das nach unten fließt, überwindet den Fels, der beste Herrscher ist der, den das Volk kaum bemerkt. Wu wei, das Nicht-Erzwingen, ist der Kern: handeln, ohne gegen die Natur der Dinge zu handeln. Der Text richtet sich ebenso an Herrscher wie an Einsiedler.
Wirkung in China
Zhuangzi führte die Gedanken ins Anekdotische und Spielerische weiter; gemeinsam bilden beide die philosophische Grundlage des Daoismus. Ab der Han-Zeit wurde Laozi vergöttlicht — als Taishang Laojun gehört er zu den höchsten Gottheiten des religiösen Daoismus, die Tang-Kaiser mit dem Familiennamen Li erklärten ihn zum Ahnherrn. Sein Denken durchzieht die Landschaftsmalerei, die Kalligrafie, die Kampfkunst und die Medizin; das Yin-Yang-Denken der TCM und die Prinzipien des Tai Chi berufen sich auf ihn.
Laozi im deutschsprachigen Raum
Richard Wilhelms Übersetzung von 1911 machte das Daodejing zum Hausbuch der deutschen Lebensreform; Hermann Hesse, Bertolt Brecht (‚Legende von der Entstehung des Buches Taoteking‘) und Martin Heidegger, der mit einem chinesischen Gelehrten an einer eigenen Übertragung arbeitete, lasen ihn. Bis heute erscheint fast jedes Jahr eine neue deutsche Fassung — Zeichen dafür, wie offen der Text ist und wie wenig er sich festlegen lässt.
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