Bai Juyi
白居易 (Bái Jūyì)
Bai Juyi (772–846) wollte verstanden werden: Der Überlieferung nach las er seine Gedichte einer alten Frau vor und änderte, was sie nicht begriff. Mit fast 3.000 erhaltenen Gedichten, langen Erzählballaden und einer klaren Sprache wurde er der populärste Dichter seiner Zeit – bis nach Japan und Korea.
Der Beamte, der Kritik dichtete
Bai Juyi bestand mit 28 Jahren die Beamtenprüfung und stieg am Hof der Tang bis zum kaiserlichen Berater auf. In den frühen Jahren nutzte er Gedichte als Denkschriften: Die „Neuen Lieder im Musikamt-Stil“ und die „Qin-Lieder“ prangern Abgabenlast, Zwangsarbeit und den Luxus des Hofes an – der Kohlenverkäufer, dem Palastbeamte seine Ware für ein Stück Seide abnehmen, ist bis heute Schullektüre. Die Offenheit kostete ihn 815 das Amt; er wurde nach Jiangzhou am Jangtse versetzt.
Zwei Balladen für die Ewigkeit
Zwei lange Erzählgedichte machten Bai Juyi berühmt. Das „Lied vom ewigen Leid“ erzählt die Liebe des Kaisers Xuanzong zu seiner Konkubine Yang Guifei, die beim Aufstand von 755 auf Drängen der Truppen getötet wurde – ein Stoff, den später Oper, Malerei und Film immer wieder aufnahmen. Das „Lied von der Laute“, in der Verbannung geschrieben, lässt eine gealterte Musikerin von ihrer Jugend in der Hauptstadt erzählen und endet mit dem Dichter, der in Tränen ausbricht: Beide seien Gestrandete am Rand der Welt.
Hangzhou, Luoyang, der Alte vom Xiangshan
Als Präfekt von Hangzhou ließ Bai Juyi einen Damm am Westsee bauen, der noch heute seinen Namen trägt; in Suzhou und Luoyang folgten weitere Ämter. Die späten Jahre verbrachte er in Luoyang als Laienbuddhist und Gastgeber, nannte sich „Alter vom Xiangshan“ nach dem Kloster gegenüber den Longmen-Grotten und schrieb Gedichte über Wein, Alter, Freundschaft und Gelassenheit. Sein Grab liegt dort, mit einer Inschrift auf Japanisch, die die japanischen Verehrer des Dichters stifteten.
Wirkung in Ostasien
Kein Tang-Dichter wurde zu Lebzeiten so weit verbreitet: Seine Gedichte standen an Klosterwänden und in Gasthäusern, Kaufleute brachten Abschriften nach Korea und Japan. In Japan wurde Bai Juyi zum Vorbild der Hofliteratur der Heian-Zeit; Murasaki Shikibu zitiert das „Lied vom ewigen Leid“ im ersten Kapitel des „Genji“. Die chinesische Kritik hielt ihm gelegentlich vor, zu leicht verständlich zu sein – für Lernende ist genau das der Grund, mit ihm anzufangen.
Bai Juyi im deutschsprachigen Raum
Schon Richard Wilhelm übersetzte Bai Juyi in seiner Auswahl aus der Tang-Zeit; 1925 erschien in Leipzig ein Band „Lieder eines chinesischen Dichters und Trinkers“. Die umfangreichste deutsche Ausgabe ist „Den Kranich fragen“ mit 155 Gedichten, übersetzt von Weigui Fang und Andreas Weiland (Cuvillier, Göttingen 1999). Die beiden großen Balladen sind in mehreren Anthologien der chinesischen Lyrik enthalten.
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