Guangdong (广东)
Chinas bevölkerungsreichste Provinz und seit Jahrzehnten seine größte Volkswirtschaft: das Perlflussdelta mit Guangzhou und Shenzhen, die Küste des Südchinesischen Meeres, die Heimat des Kantonesischen und der meisten Auslandschinesen.
Überblick: Delta, Küste, Bergland
Guangdong liegt an der Südküste Chinas, gegenüber von Hongkong und Macau, und hat die längste Küstenlinie aller Provinzen. Drei Flüsse – Xi Jiang, Bei Jiang und Dong Jiang – vereinigen sich zum Perlfluss und bilden vor Guangzhou ein Delta, in dem sich Städte, Häfen und Fabriken über Dutzende Kilometer ohne erkennbare Grenze aneinanderreihen. Nördlich davon steigt das Land zum Nanling-Gebirge an, das die Provinz vom Jangtse-Becken trennt; im Osten liegt die Chaoshan-Ebene um Shantou, im Westen die Halbinsel Leizhou mit dem Hafen Zhanjiang.
Das Klima ist subtropisch bis tropisch: lange, feuchte Sommer mit Taifunen zwischen Juli und Oktober, kurze milde Winter, zwei Reisernten im Jahr. Bei der Volkszählung 2020 lebten 126 Millionen Menschen in der Provinz, fast drei Viertel davon in Städten; damit ist Guangdong bevölkerungsreicher als Japan. Verwaltet wird sie in 21 bezirksfreien Städten, von denen Guangzhou und Shenzhen jeweils mehr Einwohner haben als die meisten europäischen Staaten. Die Insel Hainan gehörte bis 1988 dazu und ist seither eine eigene Provinz.
Sprachlich ist Guangdong kein Teil des Nordens: Im Delta und in Guangzhou wird Kantonesisch gesprochen, im Osten Teochew, im Bergland Hakka – drei Sprachen der sinitischen Familie, die mit dem Hochchinesischen die Schrift, nicht aber die Aussprache teilen. Hochchinesisch ist Schul- und Amtssprache; Kantonesisch bleibt die Sprache der Familien, der Oper, des Fernsehens in Hongkong und der Chinatowns weltweit.
Die Städte
Geschichte bis 1912: Chinas Tor nach Süden
Der Süden kam spät und nie ganz ins Reich. Nach dem Ende der Qin gründete der General Zhao Tuo 204 v. Chr. in Panyu, dem heutigen Guangzhou, das Königreich Nanyue, das erst 111 v. Chr. von Kaiser Wu der Han unterworfen wurde; das Grab seines Enkels, 1983 unter einem Hügel in Guangzhou entdeckt, ist heute Museum. In der Tang-Zeit war Guangzhou der wichtigste Seehafen des Reiches, mit einem Ausländerviertel arabischer und persischer Kaufleute und einer der ältesten Moscheen Chinas. Die Seewege nach Südostasien, Indien und Arabien, die hier begannen, werden heute als maritime Seidenstraße bezeichnet.
1557 ließen sich Portugiesen im nahen Macau nieder; von 1757 bis 1842 war Kanton der einzige Hafen, in dem europäische Kaufleute mit China handeln durften – unter strengen Auflagen in den „Dreizehn Faktoreien“ am Perlfluss. Tee, Seide und Porzellan gingen nach Europa, Silber und zunehmend Opium kamen zurück. Als der Beamte Lin Zexu 1839 in Humen über tausend Tonnen Opium vernichten ließ, folgte der Erste Opiumkrieg; der Vertrag von Nanking öffnete 1842 vier weitere Häfen und trat Hongkong an Großbritannien ab. Aus Guangdong stammten in den Jahrzehnten danach die Männer, die China verändern wollten: Hong Xiuquan, der Anführer des Taiping-Aufstands, aus einem Dorf bei Guangzhou, und Sun Yat-sen, 1866 in Xiangshan geboren, das heute seinen Namen trägt.
Zugleich wurde die Provinz zur größten Auswanderungsregion Chinas. Aus den Kreisen um Taishan und Kaiping zogen im 19. Jahrhundert Hunderttausende nach Kalifornien, Australien, Südostasien und Europa; ihre Rücküberweisungen finanzierten die Wehrtürme (Diaolou) von Kaiping, seit 2007 Welterbe, und ihre Küche wurde weltweit zum Inbegriff des chinesischen Essens. Bis heute führen die meisten Chinatowns und viele deutschsprachige Chinarestaurants der ersten Generation ihre Herkunft auf Guangdong zurück.
Wirtschaft: Elektronik, Fahrzeuge, Häfen
Seit Ende der 1980er-Jahre erwirtschaftet Guangdong die größte Wirtschaftsleistung aller Provinzen, mehr als Jiangsu und Shandong. Der Grund liegt in der Geographie und in einer Entscheidung: 1980 wurden Shenzhen, Zhuhai und Shantou zu Sonderwirtschaftszonen erklärt, in denen ausländische Firmen produzieren durften. Aus Hongkong kamen Kapital und Aufträge, aus dem chinesischen Binnenland Millionen Arbeitskräfte. Dongguan und Shenzhen wurden zur Werkbank für Elektronik, Spielzeug und Textil; Foshan und Zhongshan bauen Haushaltsgeräte, Zhuhai Klimaanlagen, Guangzhou Autos.
Inzwischen hat sich das Delta von der Auftragsfertigung zu eigenen Marken gewandelt: Huawei, Tencent, BYD, DJI und ZTE haben ihren Sitz in Shenzhen, Midea in Foshan, XPeng und der Automobilkonzern GAC in Guangzhou. Die Häfen von Shenzhen und Guangzhou gehören zu den größten Containerhäfen der Welt, der Flughafen Guangzhou-Baiyun zu den größten des Landes. Die Provinz ist zudem der wichtigste Exportstandort Chinas; ein Großteil der Waren, die im deutschsprachigen Raum als „made in China“ ankommen, verlässt das Land über das Perlflussdelta.
Als Greater Bay Area (粤港澳大湾区) werden die neun Delta-Städte Guangzhou, Shenzhen, Foshan, Dongguan, Zhuhai, Zhongshan, Huizhou, Jiangmen und Zhaoqing zusammen mit Hongkong und Macau bezeichnet: ein Wirtschaftsraum mit gemeinsamem Hafenverbund, Schnellbahnen und der 2018 eröffneten Brücke zwischen Hongkong, Zhuhai und Macau. 2019 veröffentlichte die chinesische Regierung einen Rahmenplan für die Integration der Region. Wirtschaftlich ist die Verflechtung älter als der Name: Hongkonger Firmen fertigen seit den 1980er-Jahren im Delta, und Shenzhen ist mit Hongkong durch Grenzübergänge verbunden, die täglich Hunderttausende passieren.
Aktuelle Wirtschaftsdaten veröffentlicht das Statistikamt der Provinz jährlich im Frühjahr; für den deutschsprachigen Raum werten die AHK Greater China mit ihrem Büro in Guangzhou, das AußenwirtschaftsCenter Guangzhou der WKO und der Swiss Business Hub die Zahlen aus. Die Firmenprofile der Site zeigen die großen Unternehmen der Provinz: Huawei, Tencent, BYD, DJI, Midea und XPeng.
Guangdong und der deutschsprachige Raum
Die deutsche Präsenz in Südchina ist älter als das Kaiserreich: 1846 gründeten der Hamburger Georg Theodor Siemssen und der Sachse Richard von Carlowitz in Kanton Handelshäuser, die Tee und Seide nach Europa und Maschinen nach China brachten. Siemssen & Co. und Carlowitz & Co. gehörten über ein Jahrhundert zu den bekanntesten europäischen Firmen im Chinahandel und zogen später nach Hongkong und Shanghai.
Der größte einzelne Investor ist BASF mit dem Verbundstandort in Zhanjiang, dem ersten vollständig in ausländischer Hand befindlichen Chemiekomplex Chinas. FAW-Volkswagen produziert in Foshan, deutsche Automobilzulieferer und Maschinenbauer sitzen in Guangzhou, Shenzhen und Dongguan. Die Kammern vor Ort: AHK Greater China (Büro Guangzhou), AußenwirtschaftsCenter Guangzhou der WKO, Swiss Business Hub mit Büro in Guangzhou.
Aus der Provinz in den deutschsprachigen Raum wirken Midea, das seit 2016 den Augsburger Roboterbauer KUKA kontrolliert, XPeng mit seiner Europa-Zentrale und Huawei mit Forschungsstandorten in Deutschland.
Frankfurt am Main ist seit 1988 Partnerstadt von Guangzhou, Nürnberg seit 1997 Partnerstadt von Shenzhen. Beide Verbindungen leben von Messen: Die Frankfurter Messe veranstaltet in Guangzhou Fachmessen, Nürnberger Delegationen reisen zur Hightech-Messe nach Shenzhen. Weitere Verbindungen verzeichnet die Partnerschaftsdatenbank des Rats der Gemeinden und Regionen Europas.
Alle drei Länder unterhalten Generalkonsulate in Guangzhou: Deutschland (Amtsbezirk Guangdong, Fujian, Guangxi, Hainan), Österreich und die Schweiz. Für Hongkong und Macau sind die Generalkonsulate in Hongkong zuständig.
Kultur: Kantonesisch, Küche, Oper, Kung-Fu
Was im deutschsprachigen Raum lange als „chinesisch“ galt, war meist kantonesisch: Dim Sum zum Tee, Ente und Schwein aus dem Bratofen, Wok-Gerichte mit wenig Gewürz und viel Frische. Die kantonesische Küche gilt in China als die feinste der acht Regionalküchen; die Chaoshan-Region im Osten hat mit dem Gongfu-Tee eine eigene Teezeremonie hervorgebracht, die heute in ganz China nachgeahmt wird.
Die kantonesische Oper, 2009 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, verbindet Gesang in kantonesischer Sprache mit Akrobatik und aufwendigen Kostümen und wird in Guangzhou, Hongkong und den Chinatowns gepflegt. Foshan ist die Stadt des Löwentanzes und der Kampfkunstlegenden: Wong Fei-hung, 1847 dort geboren, und Ip Man, der Lehrer von Bruce Lee, stammen aus der Region; ihre Stile Hung Gar und Wing Chun werden in Schulen im deutschsprachigen Raum unterrichtet. Die Lingnan-Malerschule des frühen 20. Jahrhunderts verband die Tuschmalerei mit westlicher Perspektive.
Welterbe der Provinz sind die Wehrtürme und Dörfer von Kaiping (2007) und der rote Sandsteinberg Danxia Shan bei Shaoguan als Teil der Stätte „Chinesisches Danxia“ (2010). Das Nanhua-Kloster bei Shaoguan bewahrt den Körper des Sechsten Patriarchen des Chan-Buddhismus, Huineng, der in Guangdong geboren wurde.
Anreise
Guangzhou-Baiyun und Shenzhen-Bao'an sind die Flughäfen der Provinz; China Southern fliegt Guangzhou von Frankfurt aus direkt an, und über Hongkong, dessen Flughafen per Bus, Fähre und Schnellbahn mit dem Delta verbunden ist, erreicht man jede Stadt der Region. Hochgeschwindigkeitszüge verbinden Guangzhou mit Shenzhen in unter einer Stunde und mit Hongkong-West Kowloon in rund 50 Minuten. Für Aufenthalte bis 30 Tage reisen Deutsche, Österreicher und Schweizer derzeit visafrei ein; für Umsteiger gilt der 240-Stunden-Transit. Praktisches unter Reisen und Visa.
Quellen
Stand: September 2026. Änderungen vorbehalten.
- Datenportal des Nationalen Statistikamts (Nationales Statistikamt der VR China (NBS); monatlich (Konjunktur), jährlich (Jahrbuch)) · Quellenprofil
- Länderinformationen China (Germany Trade & Invest (GTAI); laufend; Wirtschaftsdaten kompakt halbjährlich) · Quellenprofil
- Business Confidence Survey und Marktberichte (Deutsche Auslandshandelskammer Greater China (AHK); Umfrage jährlich, Berichte laufend) · Quellenprofil
- Länderprofil China der Außenwirtschaft Austria (Wirtschaftskammer Österreich (WKO), AußenwirtschaftsCenter; laufend, Länderreport jährlich) · Quellenprofil
- Marktinformationen China (Switzerland Global Enterprise (S-GE); laufend) · Quellenprofil
- Welterbeliste – Staat China (UNESCO World Heritage Centre; jährlich nach der Sitzung des Welterbekomitees (Juli)) · Quellenprofil
- Immaterielles Kulturerbe – Einträge Chinas (UNESCO, Sektion Immaterielles Kulturerbe; jährlich, Dezember) · Quellenprofil
- Datenbank der kommunalen Partnerschaften (Rat der Gemeinden und Regionen Europas, Deutsche Sektion (RGRE); laufend, Meldung durch Kommunen) · Quellenprofil
- Statistikamt der Provinz Guangdong (广东省统计局): Mitteilung zur 7. Volkszählung 2020 (126.012.510 Einwohner, 74,15 % in Städten) und Jahresstatistik
Wie CHINANETZ Quellen auswählt und prüft: Recherche und Quellen.
Weiterlesen
Stadt
Guangzhou →
Kanton: Handel, Canton Fair, Küche.
Stadt
Shenzhen →
Vom Fischerdorf zur Tech-Metropole.
Stadt
Hongkong →
Metropole zwischen Ost und West.
Stadt
Macau →
Portugiesisches Erbe und Kasinos.
Geographie
Chinas Geographie →
Provinzen, Klima, Landschaften, Bevölkerung.
Wirtschaft
Chinas Wirtschaft →
Struktur, Sektoren, Rahmenbedingungen — der Hub für Geschäft mit und in China.